Auf Corona, Herz und Nieren

„Öffnen Sie das Fenster bitte nur einen Spaltbreit.“ Die Gesundheitskarte wird durchgereicht, ein Merkblatt als Gegenleistung. Vermummt - man sieht kein Gesicht, wenn das Teststäbchen in den Rachen fährt. Die Stimme ist freundlich, die Worte kurz und klar. Und auf der Rückfahrt eine Reaktion auf den Coronatest: „Man fühlt sich gleich kränker“. Eine Art Bekenntnis - wie die erste Konfession des heutigen Tages- textes beim Propheten Jeremia (11,18-20):

Der HERR ließ es mich wissen und so wusste ich es; damals ließest du mich ihr Treiben durchschauen. Ich aber war wie ein zutrauliches Lamm, das zum Schlachten geführt wird, und ahnte nicht, dass sie gegen mich Böses planten: Wir wollen den Baum im Saft verderben; wir wollen ihn ausrotten aus dem Land der Lebenden, sodass seines Namens nicht mehr gedacht wird. Aber der HERR der Heerscharen richtet gerecht, er prüft Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen, denn dir habe ich meine Sache anvertraut.

Die Situation ist eine ganz andere. Jeremia klagt den Bundesbruch an. Den Niedergang des Reiches Juda vor 2600 Jahren führt er auf ein falsches Vertrauen in andere Mächte, ein Abbruch des Hörens auf den einen Gott zurück. Beziehungen sind zerbrochen, zu den Menschen, zu Gott.

Was soll dieses Anrufen Gottes, der Rache und Vergeltung üben soll?

Das, was unserem Leben schadet, und dazu gehört nun auch dieser Virus, ist eine destruktive Macht. Gebete, die es in der Bibel zuhauf gibt, die von aggressiven Feinden sprechen und dann einen aggressiven Gott beschreiben, der Rache und Vergeltung übt, weil er gerecht sei, sind nicht nur

befremdlich, sie haben auch etwas Befreiendes. Es befreit, weil wir in jedem Filmklassiker, der das Leid der einen beschreibt, innerlich jubeln, wenn am Ende doch diese „Guten“ den „Bösen“ eins auf die Mütze geben. Und nicht wegen der Gewalt, sie kann nicht jubeln lassen, sondern wegen des Gefühls der Rettung, der Hoffnung, der Gerechtigkeit, der lebbaren Zukunft. Den gerechten Gott auf den Plan zu rufen, ruft nach einer Beziehung, die hält und stärkt, in einer Situation der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Und er kennt Herz und Nieren, im alten Israel Sinnbilder für den Sitz unserer Gefühle und unseres Gemütes und Gewissens.

2600 Jahre später sind es nicht die Bundesregierung, die Virologen oder geheime Mächte, die Böses planen und unserem Lebensbaum den Saft verderben wollen. Auch wenn wir gerne eine/n Schuldige/n benennen wollten. Und es sind auch nicht wir, die nun eine Strafe für irgendein Verhalten oder Tun erhalten. Man muss in keinem noch so lieblichen Abendlieb Gott darum bitten, uns vor Strafen zu bewahren. Gefahr liegt nicht in einer bösen Macht oder einem strafenden Gott. Gefahr liegt darin, dass wir zynisch werden und das Leben hassen aufgrund von Krankheit, Leid und Tod. Weil wir dabei uns und unsere Mitmenschen verfehlen und weil wir damit die Beziehung zu Gott, der unser Herz und unsere Nieren kennt, verlieren.

Nein, dieser Gott kennt Herz und Nieren, er kennt Gefühle und unseren Gemütszustand. Daran kann ich mich festhalten.

Mit guten Wünschen

Tobias Gfell

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Tobias Gfell
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