Gegen das Vergessen (23.02.2020)

Die Erinnerungen der Großtanten - Zeitzeugenberichte von der Zerstorung Pforzheims vor 75 Jahren bei einer Gedenkveranstaltung in der Antoniuskirche

Mit freundlicher Genehmigung des Pforzheimer Kurier (BNN) - Mitarbeiterin Susanne Roth

Sogar der Höllenfürst habe seine Augen vor dem Treiben seiner Untertanen verschlossen: Bei der Gedenkveranstaltung anlässlich der Zerstörung Pforzheims in den Abendstunden des 23. Februar vor 75 Jahren ist die Rede von einem gefräßigen Ungeheuer, das sich als Feuersbrunst durch die Stadt frisst, von „stummer Pein", von Hilferufen, die ,,im krachenden Getöse der fallenden Bomben" untergehen.

Die “Triumphnacht der Hölle“ beschreibt Gisela Grob in ihren Gedichten, die glutrot die Schrecken und die Todesangst der Nacht angesichts der Feuersbrunst und tödlichen Flüssigkeit der Phosphorbomben widerhallen - in jedem einzelnen der etwa 80 Besucher, die sich kurz vor dem abschließenden Lichtermeer auf dem Rathausplatz in der Antoniuskirche im Westen der Stadt eingefunden haben.

Die Gedichte werden vorgelesen von Gisela Grobs Großnichte Gisela Gläser. Und sie ist nicht die Einzig,e, die an diesem Abend eine Gedenkveranstaltung der ruhigen, aber eindringlichen und umso beeindruckenderen Art gestaltet. Musikalisch von der Geigerin Maria Schmalz und Stefan Baur am Piano so­ wie mit Gesang von Beatrice Fuhr-Herz umrahmt, gelingt eine rührende, berührende Stunde.

Gabi Pfohl hat die Erinnerungen ihrer Großtante Luise Wolf sortiert und geordnet; das Gleiche hat Beatrice Fuhr­ Herz mit den Notizen ihrer Großtante Katharina Lamberty getan. Zusammen ergibt diese eine besondere Lesung, denn die beiden Frauen fügen die Erinnerungen ihrer Großtanten zeitlich zusammen. So entsteht ein Bild, was an dem Schreckenstag passierte.

Die Frauen kannten sich, die diese Bombardierung überlebten. „Und es ist ihnen erst viel später gelungen, das aufzuschreiben. Meine Großtante bekam irgendwann zu Weihnachten ein Buch über den 23. Februar 1945, erst dann konnte sie aufschreiben, was sie erlebt hat", erzählt Beatrice Fuhr-Herz .

Den Angriff hat die eine der Frauen zunächst in einem Keller in der Zerrennerstraße erlebt, während die andere gerade noch - nichts ahnend vom Angriff - entkommen ist, weil sie ihre Arbeit in der Stadtmitte verlasst und nach Hause Richtung Sonnenhof geht. Luise Wolf dachte wie alle anderen im Keller auch „das ist das Ende“. Das Phosphor der Brandbomben entzündet die Kohlen, die Kellertür brennt, man entkommt über die brennende Straße. Selbst am nächsten Tag ist ein Betreten der Stadt wegen der Hitze nicht möglich. Was die Frauen dann erblicken ist Folgendes: „Eine Frau lag da, ihr Kind noch in den Armen haltend. Alle waren aufgedunsen und halb verbrannt. Plötzlich stieg ich Uber verbranntes Holz. Da bemerkte ich, dass es verbrannte Leichen waren", wie Katharina Lamberty notierte.

(Foto: Roth) RUHIGES GEDENKEN: Gabi Pfohl und Beatrice Fuhr-Herz lesen Erinnerungen vor; Martina Gläser Gedichte und Maria Schmalz steuert die musikalische Untermalung bei.

Fotos: Thomas Ruland